Ich will hier keinen Reiseführer schreiben, sondern nur ein paar Sachen
herauspiecksen, die vielleicht nicht (oder nicht so) in dem "Baedeker" stehen.
Wir fangen mit der Fußgängerzone in der Innenstadt an, und arbeiten uns
langsam nach draußen. Vörösmarty tér und Váci utca: der Vörösmarty tér mit dem
Café Gerbeaud, K&K-Zeit pur! Ziemlich teuer, die Bedienung lahm und immer voll,
aber der Duft...! Die Váci utca war früher mal die teuerste Einkaufsstrasse
Budapests (nichts für das Arbeitervolk, bezahlen konnte man nur mit "harten
Währungen"). Es lohnt sich in die Geschäfte der Seitenstrassen reinzuschauen.
Sehr interessant ist eine alte Passage im Pariser Stil in der Kígyó utca mit
der ältesten Telefonzelle der Welt. Wenn man am Ende der Strasse durch die
Unterführung geht, stellt man überrascht fest "Och, die geht ja weiter, und viel
hübscher als der alte Teil"!! Dieser Teil der Váci utca war noch bis vor einigen
Jahren völlig verwahrlost, jetzt sind die Häuser super renoviert, ein sehr
angenehmer Platz für einen Spaziergang. Die Strasse wird von der "Grossen
Markthalle" abgeschlossen. Solche Markthallen habe ich nur in Italien gesehen.
Es gibt da alles, was das Land hergibt!!!
Vom Donauufer - das leider ein paar hässliche Hotels im Stil der 70-er
verunstalten - gibt's einen tollen Blick auf Buda. Auf der Promenade sind Stände
mit allem was das Herz begehrt.
Die nächste Station ist die Kettenbrücke. Auf beiden Seiten stehen je 2 Löwen
Wache. Der Legende nach war der Steinmetz sehr stolz auf seine Raubkatzen, weil
sie sehr naturtreu gelungen sind. Bis ein kleiner Junge gefragt hat "Wo sind
ihre Zungen?". Na, der Meister hat sich mächtig geschämt und ist ins Wasser
gesprungen. Völlig grundlos, die Löwen haben nämlich wenn sie das Maul öffnen
die Gewohnheit, die Zunge nach hinten zurückzuziehen, so dass man sie wirklich
nicht sieht...
Die nächste Legende kann ich leider nicht bestätigen: der Volksmund sagt, die
Brücke wird bei Dunkelheit und bei schlechtem Wetter in den direkt dahinter
liegenden Tunnel geschoben... Ich hab' es nie gesehen...
Auf dem kleinen runden Platz links zwischen den Büschen steht der
"0-Kilometerstein". Von dort werden alle Entfernungen in jede Richtung Ungarns
gemessen.
Jetzt haben wir zwei Möglichkeiten in die Burg zu gelangen: wir können links
und rechts einfach Hochlaufen (rechts viele Treppen) oder mit der überteuerten
Seilbahn in der Mitte hochfahren. Die Fahrt dauert höchstens eine Minute,
zugegeben mit tollem Blick, aber den hat man sowieso von oben. Das Schloss
spricht für sich, war leider nie so richtig bewohnt. Heute sind Ausstellungen
drin. Das Burgviertel mit den kleinen gotischen und mittelalterlichen Häuschen
ist sehr hübsch. Die Matthias-Kirche (mit Eintritt :-((() ist eine der schönsten
Kirchen der Stadt. Aber das Schönste dran ist das Dach mit den emaillierten
Zsolnay-Ziegeln. Die Fischerbastei - "Kitsch pur, aber wunderschön" sagte mal
ein Literaturkritiker - hat nie zum Schutz der Burg gedient, sie eignet sich
"nur" für eine Aussichtsterasse. Aber mit malerischem Ausblick. Das Geld für den
Bau in 1905 hat die Fischerzunft gespendet, daher der Name. Oben habe ich schon
das ausgedehnte Höhlensystem unter dem Burgviertel erwähnt. Ein Teil davon ist
frei für die Öffentlichkeit. Ich selber war noch nie da, aber mein Bruder
meinte, ich hätte da echt was verpasst. Wenn man es gruselig mag, kann man sogar
im Stockdunkeln mit einer Kerze ausgestattet durchlaufen.
Die Zitadelle auf dem Gellért-Berg (der arme Gellért war ein Dominikanermönch
der die Ungarn versuchte zum Christentum zu bekehren, aber die haben ihn lieber
in einem mit Nägeln ausgeschlagenem Fass den Berg herunterrollen lassen) ist
eine Festung mit der Freiheitsstatue, die von den meisten Punkten der Stadt aus
sichtbar ist. Sie ist zur Zeit der Hochzeit wegen der Feierlichkeiten am 20.
wahrscheinlich abgesperrt. Von dort wird nämlich ein großer Teil der Raketen des
Feuerwerks abgeschossen. Man will ja nicht, dass sie früher losgehen, die sind
etwas größer als die handelsüblichen Böller...
In Süd-Buda, ein bisschen außerhalb liegt ein "Denkmalfriedhof". Nach der
Wende wurden die ausgemusterten sozialistischen Statuen der Stadt hierher
geschafft und in einer Parkanlage aufgestellt. Auf
www.szoborpark.hu kann
man weiterlesen. Unter "túra" und "információ" gibt es Informationen auch auf
Deutsch.
Nordwestlich der Stadt, in den Bergen fährt die Kinderbahn. Eine kurze
Bahnstrecke in der Natur, die von Kindern bedient wird. Auf der Seite
www.gyermekvasut.hu auf das Bild in der Mitte klicken, da geht es weiter. Auch
ein Überbleibsel des Sozialismus (damals hieß sie Pionierbahn und nur die
allerbesten kleinen Pioniere, die der Heimat gut gedient haben durften da
"arbeiten"). Sie eignet sich gut für einen Familienausflug. In ihrer Nähe gibt
es noch eine Sesselbahn (so was wie ein Skilift ohne Schnee) und die
Elisabethwarte, ein Aussichtsturm mit herrlichem Blick über Budapest und ihrer
Umgebung.
Wir gehen jetzt zurück nach Pest. Ein absoluter Muss ist, die Andrássy út
hoch und runter zulaufen. Sie führt vom Deák tér zum Heldenplatz. Am Anfang
einer Einkaufsstrasse mit exklusiven Geschäften (mein Lieblingsgeschäft ist das
"Paris Boutique" zwischen der Oper und dem Oktogon), Cafes und Restaurants. Ab
dem Oktogon (ein achteckiger Platz, daher der Name) eine breite Allee. Aber
bitte nicht nur die Schaufenster betrachten, schenkt ein bisschen Aufmerksamkeit
den Häusern, die meisten sind kleine Paläste, nur zu eng aneinander gebaut. Vor
dem Oktogon aus rechts ist der Liszt Ferenc tér mit zahlreichen Cafes. Sehr
gemütliche Terrassen bis spät in der Nacht! Am Oktogon kreuzt die Andrássy út
die Große Ringstraße. Wenn man nach links abbiegt, kommt man am Westbahnhof an.
Ein Gebäude von dem guten alten Eiffel. Im rechten Seitenflügel ist der schönste
Mcdonald's der Welt. Hinter dem Bahnhof links ist das größte Einkaufszentrum
Mitteleuropas die "Westend City". Hinter dem Bahnhof fängt die Váci út (nicht zu
verwechseln mit der Váci utca in der Fußgängerzone) an. Kurz hinter dem
Einkaufszentrum liegt der Palast der Wunder, ein interaktives wissenschaftliches
Spielhaus für klein und groß. Man kann am eigenen Körper die verschiedenen
Gesetze der Physik durch verschiedene Spiele ausprobieren und erleben. Weiteres
auf www.csodapalota.hu.
Über den Heldenplatz am Ende der Andrássy út steht genug in den Reiseführern,
was vielleicht fehlt, man soll die Aufmerksamkeit nach rechts lenken. Hinter der
Kunsthalle ist ein großer Platz, der heute meistens als Parkplatz dient. Der war
während des Sozialismus der so genannte Paradeplatz. An den sozialistischen
Feiertagen standen die Staatsoberhäupter auf der Bühne und winkten dem auf dem
Platz versammelte Volk. Die Straße war bis zum letzten Jahr wegen der Panzer,
die jedes Jahr zweimal - um die Macht der Nationalen Sozialistischen Armee zu
präsentieren - feierlich über die Straße rollten, noch mit Kopfsteinpflaster
ausgelegt (Ganz normal geteerte Straßen hätten die Last nicht aushalten können.)
Am 23. August verwandeln sich die Andrássy út, der Heldenplatz und der
Paradeplatz zum Schauplatz der Budapest-Parade, der kleinen Schwester der
Loveparade. Mehr darüber auf
www.budapestparade.hu.
Wenn man sich ein bisschen ausruhen möchte, bietet sich der "Városliget"
(Stadtpark), auch Stadtwäldchen genannt, hinter dem Heldenplatz an. Mit dem See,
wo man Boot fahren kann (im Winter ist da eine künstliche Eisbahn) mit dem
Schloss-Vajdahunyad (wer die tschechische Grimm-Interpretation mag, wird das
Schloss lieben), mit dem Széchenyi Bad (das größte Heilbad Mitteleuropas mit
einem Hauch Sozialismus die die alten Wände versprühen), mit dem Zoo (herrlich
alt, aber frisch renoviert) und mit einem Vergnügungspark auf dem Niveau der
Jahrhundertwende (der zwischen dem 19. und 20. J) mit einer echten
Holzachterbahn mit Lockführer.
Einen schönen Park gibt es noch auf der Margit-Insel mit Klosterruinen, mit
einem Freibad und verschiedenen Sportanlagen. Autos dürfen nicht auf die Insel.
Was das Männerherz begehrt: Sonnenanbeterinnen oben ohne an den Ufern sind keine
Seltenheit...
Hiermit endet unser kleiner Spaziergang auf den Straßen von Budapest, ich
hoffe es ist mir gelungen eure Fragen zu beantworten und euch auf die Stadt
aufmerksam zu machen.
Viel Spaß in Ungarn, Timi